Elvis
von Yuriy Gurzhy
16.03.2004
Anfang Januar klingelte bei mir das Telefon. "Hallo, is it Yuriy? - fragte eine unbekannte Männerstimme. "Yes!" - antwortete ich und bekam eine ernsthafte Einladung, mit der Russendisko nach Israel zu kommen. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren soll - eigentlich sind wir, die Russendisko DJs, immer froh, an verschieden Orten dieser Welt wilde russische Musik aufzulegen, aber mit dieser Nummer nach Israel zu gehen, hatten wir bis jetzt nicht vor. Wir dachten, dass die Israelis zur Zeit wahrscheinlich eine nicht besonders tanzbare Stimmung haben, und auch wenn es nicht stimmt, gibt es da mehr als genug Russen, die in der Lage sind, dieselbe Songs wie wir aufzulegen. Der Veranstalter versuchte mich zu überreden. Er erzählte, dass die Musik aus Osteuropa dort zu Zeit ein heißes Thema sei, und wie das Publikum darauf stehe. Laut ihm seien die Leute in Israel die Russendisko richtig gut vorbereitet. Ich überlegte es mir - und entschloss, hinzufliegen. Wir fanden einen passenden Termin Anfang Februar. In wenigen Tagen bekam ich per Post die Flugtickets.
Am Eingang des Terminal C im Flughafen Schönefeld wurde ich freundlich vom Polizist mit einer Maschinenpistole begrüßt. Er teilte mir mit, dass ich eigentlich schon zwei Stunden früher zur Durchsuchung erscheinen sollte. In 40 Minuten stand ich im winzigen Raum von Duty Free und versuchte zwischen Wodka und Cognac zu entscheiden. Neben mir stand eine mollige israelische Blondine, zweifellos russischer Abstammung, und regte sich auf. "Ich nicht verstehen, was Du da sagen, - sprach sie die Verkäuferin auf Englisch an, - aber lächeln musst Du, verstehen? Lächeln!"
Dank Gin Und Tonik verging der Flug problemlos. Vier Stunden später landeten wir in Tel-Aviv, wo es warm und sonnig war. Ich traf mich mit meinen Freunden, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Wir gingen zum Seestrand und tranken dort Cognac. Bald wurde es dunkel, die Läden machten wegen Sabbat zu. Es war Zeit, in den Klub "Jah Pan" zu gehen, wo die Russendisko stattfinden sollte. Der Klub befindet sich auf einer kleinen Strasse nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Die Gegend sieht den Ostberliner Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg sehr ähnlich aus, nur die Schilder und andere Aufschriften sind auf Hebräisch. Genauso wie der Poster, der meinen DJ-Set ankündigte. Meine Freunde konnten mir helfen, den Inhalt zu entziffern. Er lautete "Musik für Säufer - der tollste russische Sound aus Berlin, Germany". Vor der Russendisko war ein Auftritt der lokalen Band "Boom Pam" geplant.
Als die Jungs wenige Stunden später fingen an, zu spielen, mischte ich mich unter dem Publikum vor der kleinen Bühne. Das waren die jungen Leute, die sich auf Russisch, Hebräisch und Englisch unterhielten. Die Mucke vom Boom Pam klang exotisch - eine Mischung zwischen arabischem und griechischem Pop, Zigeunermusik, Klezmer und Surf. Nach 20 Minuten fing das Publikum an, zu tanzen. Obwohl die Musik rein instrumental war, sangen drei russischen Punks mit bunten Frisuren und einer Wodkaflasche enthusiastisch mit. Die Stimmung wurde immer besser. Wodka / Red Bull war der ultimative Cocktail des Abends. Der Tanzboden boomte. Manche Tänzerinnen passten dort nicht mehr rein und kletterten auf die Bühne.
Eine von ihnen stellte sich vor - sie hieß Jana, kam aus St. Petersburg vor 10 Jahren und arbeitete in einem Theater. Sie trug ein langes grelles Kleid, und freute sich über jedes Lied. Sie und ihre Freunde wünschten sich jede 10 Minuten ein anderes Lied von Leningrad. Jemand teilte mir auf Deutsch mit, wie toll er das findet, dass ich "Moskau" von Dschinghis Khan auflege. Gegen drei Uhr nachts sah ich zwei kräftig gebauten Typen, die neben dem DJ-Tisch standen und mich anstarrten. Ich dachte zuerst, das seien Terroristen, von denen man hier so viel erzählt, merkte aber dann das Kennzeichen "Security" auf ihren Ärmeln.
Der letzte Musikwunsch des Abends kam von einem stockbetrunkenen Israeli. Er erzählte mir, dass "Tel-Aviv" auf Hebräisch "Frühling" heißt und bat, irgendein Frühlingslied vorzuspielen. Ich überlegte es mir kurz, und fischte eine CD namens "Frühling" von Vopli Visopl'asova raus. Ich legte sie auf, trank meinen Wodka / Red Bull aus und ging tanzen mit dem Publikum.