[an error occurred while processing this directive]
| FRAGE |
 |
|
[an error occurred while processing this directive] |
 |
|
Russische Musik, die man bei der Russendisko nicht hört
Teil II - Emigrantenlieder
von Yuriy Gurzhy
29.05.2002
 | Willi Tokarev | Jede Generation der sowjetischen Bürger hatte ihre eigenen
Underground-Helden. Mein Freundeskreis stand auf sibirischen Punk und Reggae
aus Königsberg. Meine Eltern mochten die Liedermacherszene. Gute Texte,
simple Melodien - war das nicht auch Punk auf seiner Art?.. Ebenso, wie
später die Rock'n'Roller, waren auch die Liedermacher dem sowjetischen
System feindlich - und umgekehrt. Es gab aber noch ein Musikgenre, das beim
Radio und Fernsehen nie gespielt wurde, nämlich Lieder der russischen
Emigranten. Damals war die Emigration ein peinliches Thema: das Land des
siegreichen Sozialismus zu verlassen, galt als ein schweres Verbrechen.
Weit weg von der Sowjetunion, in den Ländern des verfaulten Kapitalismus,
durften die Aussiedler nun alles vorsingen, was sie wollten. In der
ehemaligen Heimat betrachtete man sie als Dissidenten, als Kämpfer für die
Freiheit. Einer der berühmtesten Sängern dieser Szene ist Willi Tokarev, der
kleine Mann aus New York mit dem riesigen Schnurrbart. (Sein exotischer Name
Wil ist nicht ein Integrationstrick, sondern eine Abkürzung von Wladimir
Iljitsch Lenin, die er seinen Eltern zu verdanken hat). Anfang Siebziger
verließ er St. Petersburg auf der Suche nach der großen Freiheit und landete
auf Brighton Beach, dem russischen Territorium der emigrantenfreundlichster
Stadt der Welt. Zu seiner Tribüne wurde die Bühne des Restaurants "Odessa",
wo er seine Lieder für zahlreiche Gäste sang. Zu dem Thema Willis Werke
gehörte hauptsächlich das schwierige Leben der russischen und jüdischen
Emigranten. Manchmal witzig und manchmal bitter klingen seine Songs auf
meinem Band, die er mit eigener Begleitung am kleinen Keyboard vorträgt -
 | Jimi Hendrix? Nein, Willi! | Wolkenkratzer |
Aus dem Dorf bin ich gekommen,
Aus der UdSSR,
Hier auch trink' ich Wodka,
Aber Wodka wirkt nicht mehr!
Wolkenkratzer, Wolkenkratzer,
Ich bin kleiner Emigrant.
Schwer und einsam ist mein Leben
Hier im wilden Ausland.
Seine Kassetten verbreiteten sich rasch in der Sowjetunion. Obwohl die
Emigrantenmusik eigentlich illegal war, ist er trotzdem zu der Kultfigur
geworden. Und als Perestroika anfing, war er der erste Aussiedler, der mit
einem Konzerttour nach Rußland eingeladen wurde.
Für die Bürger unseres Landes war das eine sensationelle Nachricht. Es fiel
einfacher zu glauben, daß Michael Jackson oder Elton John kommen würden,
aber Willi...
 | | "New York - Moskau", Cover | Sein triumphales Comeback wurde mitgeschnitten und danach in einem Film
zusammengestellt. 14 Jahre später erwarb ich dieses Willi-Video in dem
russischen Lebensmittelladen "Tanja" in Marzahn. Beim Einkauf wußte ich
schon, daß diese Kassette ein wertvolles Dokument der postsowjetischen
Geschichte ist.....
Die ersten Bildstreifen: Die Landung des Flugzeugs "New York - Moskau". Zum
Schalter der Paßkontrolle kommt ein kleiner Mann mit der Sonnenbrille. Als der
Beamte seinen Paß aufmacht, salutiert er dem Passagier und drückt ihm
freudig die Hand. Ein Paar Schritten weiter wartet auf diesen Amerikaner
eine begeisterte Fangemeinde - Hunderte lächelnder Mädels mit Blumen. Die
Aufschrift: Willi Tokarev ist wieder da! Er sieht sehr cool aus - lächelt
zurück und gibt Autogrammen, aber sein Blick läßt vermuten, daß er sich sehr
überrascht fühlt. Nach allen diesen Restaurantjahren in New York - und jetzt
das!
Die Konzerte in größten Hallen und Stadien Rußlands wurden sofort
ausverkauft. Den Sänger begleitete diesmal ein Jazzorchester, das fleißig
versuchte, den Sound des billigen Keyboard zu imitieren, und drei
Backsängerinnen, die alle Refrains mitsangen. Herr Tokarev schrieb extra für
diesen Tour neue, politkorrekte Lieder über das neue Rußland, das von dem
langen bösen Traum erwacht, aber das Publikum wollte die alten Hits, über
die Emigranten und Restaurants.
Er habe nie so einen Erfolg erwartet, gab Tokarev in den zahlreichen
Interviews zu, und war glücklich, daß die Heimat seine Kunst schätzte. Es
hat ihm in Rußland so gut gefallen, daß er sich entschloß zurückzukehren.
Und hat das auch getan. Nun wohnt er in einer neuen Wohnung in St.
Petersburg mit einer neuen Ehefrau. Er beschäftigt sich mit der Erziehung
der kleinen Tochter und der Aufnahme neuer Platten, die sich immer noch gut
verkaufen.
 | Mischa Schufutinskiy | Willis positive Erfahrung war ein gutes Beispiel für die anderen Kollegen.
Mischa Schufutinskiy, ebenso ein russischer Amerikaner, war der nächste Star
der Szene, der kam, um Rußland live zu erobern. Seine Musikrichtung, die er
im Laufe der Restaurant-Kariere entwickelte, kann man als Gangsta-Pop für
Erwachsene bezeichnen. Die Lieder, die er Anfang der Achtziger mit seiner Band
"Bandenführer" aufnahm, handelten meistens um die Räuber, Nutten und
Knast-Romantik. Mischa hat eine seltene Überzeugungskraft - dafür sorgt
nicht nur sein Image als Mafiakönig, sondern auch die Musikkenntnisse, die
er jahrelang als Leiter der sowjetischen Popbands sammelte. Als er in einem
billigen Studio in New York 1984 die Songs für das Album "Amnestie"
einspielte, bat ihm der Tontechniker, den afroamerikanischen Kollegen im
Zimmer nebenan mit einer Keyboard-Passage zu helfen. Das waren "Run DMC",
die ein Jahr später die bekannteste HipHop-Kapelle der Welt wurden.
1990 kam Schufutinskiy mit 75 Stadionkonzerten nach Rußland, und im Laufe
dem nächsten Jahrzehnt hat er da die größte Plattenverkaufzahlen erreicht.
Inzwischen wird er respektvoll "Vater des russischen Chanson" genannt.
 | Vergessen sie GlamRock! | Hure | Dieses neulich erfundene Hype ist in den letzten Jahren so groß geworden,
daß in mehreren Städten Rußlands zahlreiche gleichnamige
Radiosender ins Leben gerufen wurden, die 24 Stunden am Tag ausschließlich die
Werke von Mischa und seinen unzähligen Nachahmern übertragen. Genauso wie
amerikanische LKW-Fahrer Country und Western mögen, stehen russische
Taxifahrer auf das russische Chanson. Ihre Kunden leiden manchmal darunter.
Zum Beispiel mein Freund Dima, der in Moskau wohnt und oft mit dem Taxi
fährt. Seit Jahren spielt er Trip-Hop, und vor ein paar Tagen schickte er
mir seine neue mp3s, in welchen er nun die Klassiker des Chansons samplet.
Es grooven die langsamen Beats, die dunklen monotonen Keyboard-Melodien
hypnotisieren den Hörer, während die Sängerin auf dem akzentfreien Englisch
rappt - und plötzlich kommt im Refrain die heisere Stimme Schufutinskiys:
"Weine nicht, Mutter, dein Sohn ist ein Räuber...". Dima meint, daß seine
neue Platte in Kürze auf einem deutschen Label veröffentlicht wird. Und
wenn er etwas Glück hat, wird auch das ganze Europa auf diese Weise bald
die einzigartige Erfindung "russisches Chanson" kennenlernen....
|
|