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Oleg Popow

von Wladimir Kaminer

24.05.2002

Foto: Peoples.ru
 
   Der berühmteste Clown der Welt Oleg Popow ist in Berlin Zehlendorf zusammen mit dem "Russischen Staatszirkus" zu sehen. Seine legendäre schwarz-weiß karierte Mütze und die rote Pappnase schmückt viele Plakatwände der Hauptstadt. "Lebt er denn noch, der alte Hase?" wunderte sich meine Frau, als sie das Foto von Oleg Popow in einer Zeitung sah. Damals als wir jung waren, also vor dreißig Jahren, arbeitete Popow als offizieller Oberclown des sowjetischen Fernsehens auf der Baustelle des Sozialismus. Er war der Freund aller Kinder und Erwachsenen, die ewig sprudelnde Quelle des Guten. Seine berühmteste Nummer war, den Sonnenfleck durch den Zirkus zu jagen - ein Spiel mit dem Scheinwerfer. Popow unterhielt sich mit dem Sonnenfleck, näherte sich ihm langsam an und als der Sonnenfleck einmal die Wachsamkeit verlor, steckte ihn Popow in seine Hosentasche oder in einen Eimer und schleppte ihn aus der Manege, am Aufseher vorbei. Mein Vater, ein großer Fan von Oleg Popow, fand diese Nummer absolut spitze. Unzählige Male schaute er sie sich an und konnte nicht genug davon kriegen. Wahrscheinlich lag ihm diese Problematik sehr am Herzen. Auch er versuchte nämlich immer wieder aus seinem Betrieb bestimmte nützliche Dinge rauszutragen. Oft ohne Erfolg. Auf jeden Fall kam die Nummer mit dem Sonnenfleck beim Volk sehr gut an, der Künstler wurde in der Presse sogar als der Sonnenclown bezeichnet.

Foto: Peoples.ru
 
   Für das Kindergarten - Erziehungsprogramm in der Sowjetunion war Oleg Popow ebenfalls unentbehrlich. Zu jedem Fest, egal ob Silvester oder Frauentag, mußten wir Kinder lustige Kostüme anziehen. Die Mädchen konnten entweder als Prinzessinnen oder als Aschenputtel auftreten, was komischerweise vom Stoff her dasselbe war. Für die Jungs standen drei Kostüme zur Auswahl: "Der Pinguin", "Der Zauberer" und "Der Oleg Popow". Den Pinguin mochte keiner, weil dieses Kostüm unmännlich aussah, mit Flügel und Schnabel - einfach blöd. In dem Kostüm des Zauberers war es sehr problematisch aufs Klo zu gehen: es war aus einem Stück genäht. "Der Oleg Popow" schien uns damals die beste Lösung zu sein. Es bestand nur aus einer schwarz - weiß karierten Mütze und einer Fliege. Doch die Popow- Utensilien reichten bei weitem nicht für alle. Jedesmal entbrannte deswegen eine regelrechte Schlacht zwischen den Kindern, nur die stärksten schafften es, wahre Clowns zu werden, sie konnten sich dann sogar Kindergartenwitze erlauben, d.h. die Prinzessinnen bzw. Aschenputtel an den Zöpfchen zu ziehen. Wenn so einer außerhalb der Feiertage sich allerdings solche Späße erlaubte, dann schimpften die Erzieherinnen: "Mach mir jetzt keinen Oleg Popow!" Den wirklichen Clown Popow haben weder meine Freunde noch ich jemals auf der Bühne gesehen. Dafür war er fast jeden Tag im Fernsehen - immer mit denselben Nummern und derselben Mütze auf dem Kopf. Doch kurz bevor die Sowjetunion auseinander fiel, verschwand auch Oleg Popow vom Bildschirm. Plötzlich waren beide weg! Wie viele seiner Kollegen begab sich der Clown ins westliche Ausland, um an harte Währung heran zu kommen. Dort waren damals die Verdienstmöglichkeiten viel größer. Viele russischen Artisten kreisten jahrelang um die Welt herum, sie zeigten sich kaum noch zu Hause, doch in Interviews mit der russischen Presse beschworen sie stets die Heimat und erzählten, wie sehr sie ihr Volk und ihr Land lieben würden. Unser Sonnenclown Popow gab sich dagegen in den Gesprächen mit den heimatlichen Medien unerwartet böse. In den Interviews für die Zeitschrift "Ogonjek" und die "Rossijskaja Gazeta" ärgerte er sich über seine für russische Verhältnisse durchaus üppige Rente schwarz. "Mit 400 Rubel wollten sie mich abspeisen! Mich! Den verdienten Clown der Sowjetunion! Das ist wohl 1 DM am Tag, was?! Ich habe Millionen von Kindern Freude bereitet und bin nun von der russischen Regierung schwer enttäuscht. Putin hat mir zum Siebzigsten eine Postkarte geschickt. Eine Postkarte! Der soll mir eine Präsidentenrente geben, dann käme ich vielleicht zurück. Ach, es ist eine Sauerei!" Auf die Frage eines Journalisten, ob er seine Heimat nicht vermisse, sagte Popow: "Überall, wo man keinen Hunger hat, ist man zu Hause." Das hatten die Russen von ihrem Sonnenclown so nicht erwartet. Die Leser zeigten sich enttäuscht und zahlten es Popow heim. Eine Frau berichtete zum Beispiel der Zeitung, wie Popow einmal vor ihren Augen einen Jungen mit schlimmen Worten beschimpft hatte, als der Kleine vor lauter Begeisterung versuchte, den Clown vom Fahrrad zu schubsen. Ein andern Mal äußerte sich der Clown sehr hässlich über einen minderjährigen Fan, der freundlich an dem Seil rüttelte, auf dem Popow gerade turnte. "Für uns war Oleg Popow damals doch der gute Geist, der alles Gute auf der Welt symbolisierte. Auf einmal verzog dieser Geist sein Gesicht und machte den Kleinen zur Sau. So war ich meine Kindheitsillusion los." beschwerte sich die Frau. Vor ein paar Jahren hat Popow gänzlich aufgehört, Kontakte zu der russischen Presse zu pflegen, so wird es jedenfalls behauptet. Er ist inzwischen 72 Jahre alt, aber noch quicklebendig. Er lebt mit seiner deutschen Frau Gabi in einem kleinen Kaff bei Nürnberg und jagt den Sonnenfleck erfolgreich weiter - durch die zahlreichen Zirkusbühnen der Welt. Die jungen russischen Generationen wachsen nun seit cirka fünfzehn Jahren ohne den Mann mit der Mütze auf. Die echten Kita-Jungs von heute ziehen wahrscheinlich zu den Feiertagen ein Mickymaus-Kostüm an und die Mädels wedeln mit den Schwänzen von Seejungsfrauen herum.


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