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Kriminelle Aktivitäten an der U-Bahn Schönhauser Allee
Leseprobe aus dem Buch "Schönhauser Allee"
Am U-Bahnhof Schönhauser Allee versammeln sich ständig verdächtige Personen. Sie
sehen so aus, als ob sie gerade eine Straftat planen würden oder bereits
eine begonnen hätten und nun auf der Flucht seien. Sie laufen nervös hin
und her, schauen ständig auf die Uhr und rauchen pausenlos. Viele sehen
auch selbstmordverdächtig aus. Sie stehen am Rand des Bahnsteigs und
beobachten aufmerksam die unter tödlichem Strom stehende Schiene. Zum
Glück kommt alle fünf Minuten ein Zug und entführt dieses scheinbar
kriminelle Publikum von der Schönhauser Allee weg - ins Grüne: in
Richtung Ruhleben. Dort brauchen sie nichts zu befürchten. Auf diese
Weise wird immer wieder eine beruhigende Bahnsteigökologie hergestellt.
Ich benutze jeden Tag diese Linie und muß leider feststellen, daß diese
harmonische Beziehung zwischen den Zügen und den Kriminellen nicht immer
funktioniert. Manche steigen in den Zug gar nicht ein, und manche
steigen aus dem Zug nie aus. Wie kann man sonst die Tatsache erklären,
das ich drei Tage hintereinander zu den verschiedensten Tageszeiten
jedesmal mit denselben vier Typen zusammen in einem Abteil hin und
zurück fuhr? Das ganze sah aus wie eine dreitägige Theatervorstellung an
der Volksbühne. Du kannst in die Kantine gehen ein Bier trinken, oder
gar am nächsten Tag zurück kommen - die Schauspieler sind immer noch da.
Genau so war es auch im Zug. Den einen kenne ich bereits eine Weile -
ein ganz harmloser. Das ist der Typ, der immer die Stationen
nachplappert und "Zurückbleiben" ruft. Der Arme hat sich irgendwann
einmal eingebildet, er sei ein ehrenamtlicher BVG-Mitarbeiter und muß
nun den Passagieren helfen, indem er die unverständlichen Ansagen, die
vom Band kommen, wiederholt. Manchmal kommentiert er auch auf
unkonventionelle Weise den einen oder anderen Namen der jeweiligen
U-Bahn-Station. Mein zweiter ständiger Begleiter ist ein betrunkener
Türke in einem schicken Ledermantel, der alle verspotten will. Und dann
noch ein kleines Mädchen mit einem riesengroßen Hund, das ständig mit
der Leine um sich schlägt und "Sitz!" schreit.
 | Foto: W. Kaminer | Schließlich noch der
Obdachlosenzeitungsverkäufer Martin, der besonders viel Wert darauf
legt, das alle seinen Namen wissen. "Ich bin der Martin", fängt er immer
an, wenn ein neuer Fahrgast einsteigt, als ob das an der Sache
irgendetwas ändern würde. Manchmal denke ich, das Quartett arbeitet
zusammen. Es ist ein klassisches Team. Nur, worauf sie hinaus wollen,
ist bis jetzt noch unklar. Der Türke verspottet alles und jeden, der
Martin sammelt Geld, das Mädchen paßt darauf auf, das sich keiner im
Abteil bewegt und der Verrückte informiert uns über den aktuellen Stand
der Reiseroute. Sie sind ganz deutlich ein Team. Manchmal improvisieren
sie urplötzlich eine kleine Auseinandersetzung. Neulich nahm z.B. der
Türke den Martin aufs Korn. Jedesmal wenn der Zeitungsverkäufer zu reden
anfing, wurde der Mann im Ledermantel laut und hänselte in seine
Richtung. "Halts Maul" hustete schließlich das kleine Mädchen mit dem
Hund den Türken an. "Meinst Du, der macht es aus Spaß? Kuck Dir den Mann
an, er hungert. Und Du Arschloch hast kein Gewissen." Der Türke stand
auf und ging zu dem Martin hin. "Wieviel haste von dem Zeug?" fragte er
ihn. "Fünfundzwanzig Stück" antwortete Martin. Der Türke holte 50 Mark
aus der Hosentasche und kaufte ihm den ganzen Stapel ab. Danach drehte
er sich um und sagte laut: "Guten Tag, ich bin der Mehmet und nun kriegt
jeder eine Zeitung umsonst!" Zum Glück mußte ich gerade aussteigen.
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