Verfehltes Paris
Leseprobe aus dem Roman "Reise nach Trulala"
"Anstatt nach Paris zu fahren,
gingen wir ins Kino"
Mein Freund Andrej und ich planten
dann auch schnell unseren ersten gemeinsamen Ausflug. Natürlich sollte es
nach Paris gehen. Diese Stadt spielte in den Köpfen der Russen schon immer
eine besondere Rolle - als fast unerreichbares Paradies. Wir bereiteten
uns gründlich darauf vor und kauften einen Fotoapparat sowie
zwei Busfahrkarten mit offenen Abreisetermin "Paris erleben - für 99 Mark
hin und zurück". Nun konnten wir eigentlich jeden Abend nach
Paris losfahren. Das ging uns aber alles viel zu schnell. Um das Gefühl
der absoluten Reisefreiheit noch etwas länger zu genießen, blieben wir
ersteinmal in unserem Heim in Marzahn. Wir saßen jeden Tag in der
Küche, tranken weiter Bier und erzählten uns gegenseitig von Paris.
Andrej, erzählte: Seine Cousine, die er noch nie im Leben gesehen hatte,
wohnte seit Jahren in einem Schloß in der Nähe von Paris. Sie hatte es noch
in den finsteren Jahren des eisernen Vorhangs geschafft,
einen französischen Adligen in Moskau aufzureißen, ihn dann
schnell geheiratet und die Heimat verlassen. Seitdem galt sie in der
Familie als verschollen. "Ich kann es gar nicht erwarten, sie endlich
mal kennenzulernen," freute sich Andrej. Aus meiner Familie war nur
Onkel Boris, der Flieger, einmal in Paris gewesen: als Tourist. Obwohl er
bis zu seinem Tod 1981 niemals die Grenzen der Sowjetunion überschritt.
Als Kind konnte ich nie meine ganze Verwandtschaft aufzählen. Die Omas
und Opas hatten so viele Brüder und Schwestern gehabt, die wiederum
viele Kinder zur Welt gebracht hatten, welche dann ihrerseits
mehrmals geheiratet hatten - daß man leicht die Übersicht verlieren konnte.
Es war eine große Menschenmenge, die sich über die ganze Welt
verstreut hatte und kaum noch als Familie wahrnehmbar war. Die meisten lebten
in der Ukraine, meine Eltern und ich in Moskau. Es gab einige
legendäre Persönlichkeiten in der Familie, von denen mir meine Eltern immer
wieder gerne erzählten - wie etwa Onkel Simeon aus Leningrad, der
ein leidenschaftlicher Kartenspieler war, große Schulden hatte und
sich umbringen wollte. Er sprang vom Balkon seiner Wohnung aus dem
neunten Stock, brach sich dabei jedoch nur ein Bein - und empfand hernach
seine wundervolle Rettung als ein Gotteszeichen. Als Onkel Simeon aus
dem Krankenhaus entlassen wurde, spielte er mit Erfolg weiter, beglich
alle Schulden - und emigrierte 1977 als Jude nach Australien. Dort gewann
er bei einem all-australischen Poker-Wettbewerb den ersten Preis
und wurde Millionär. Mein Vater besaß ein Foto: Darauf sieht man
Onkel Simeon, im weißen Anzug, mit einem Stock in der Hand, vor
seinem australischen Haus mit Garten stehen und lächeln. Wie dieses Foto
in unser Familienarchiv gekommen war, ist ein Geheimnis. Meine
Eltern hatten niemals Briefe aus Australien bekommen und schrieben auch
selbst nie welche. Eine weitere Legende aus dem Familienkreis war Onkel
Boris, der fast sein ganzes Leben in Kasachstan verbrachte. Einmal, kurz
vor Olympischen Spielen 1980 - ich ging gerade in die achte Klasse -
kam Onkel Boris aus Kasachstan nach Moskau zu uns zu Besuch. Er war
der Bruder meines verstorbenen Großvaters und verkörperte in unserer
Familiedie Geschichte der Sowjetunion. An allen Abenteuern, die der
entwickelte Sozialismus anbot, hatte Onkel Boris teilgenommen. Damals kam er
nach Moskau, um sich irgendwelche Unterlagen abzuholen, die eine
Aufstockung seiner Rente versprachen, und wohnte einen Monat lang in meinem
Zimmer. Unsere Moskauer Wohnung war nicht groß: zwei Zimmer, insgesamt
27 Quadratmeter, ich konnte damals noch gar nicht richtig einschätzen,
wie klein sie war, weil alle Nachbarn und Freunde meiner Eltern die
gleiche Wohnfläche besaßen.
Erst Jahre später, als ich zur Armee ging und
ein größeres Zimmer bezog, ging mir auf, daß wir die ganze Zeit in
einem Papageienkäfig lebten. 27 Quadratmeter... Allein das Klo in
unserer Kaserne hatte 250 Quadratmeter. Onkel Boris lebte also in meinem
Zimmer und erzählte mir Tag für Tag Geschichten aus seinem
abenteuerlichen Leben. Als der Krieg anfing, besuchte er gerade eine
Flugschule. Er wollte Flieger werden. 1944 als die sowjetische Armee schon
halb Europa befreit hatte, meinte Stalin, nun wäre die Zeit gekommen, auch
noch mit den Japanern abzurechnen. Alle Flugschüler wurden in den Fernen
Osten geschickt, unabhängig davon, ob sie mit ihrer Ausbildung fertig
waren oder nicht. Onkel Boris wurde Offizier und jagte ein ganzes Jahr
lang den japanischen Flugzeugen zwischen den Bergen Mandschuriens
hinterher. Zweimal wurde seine Maschine abgeschossen: einmal in China und
einmal in Korea, aber er kam trotzdem heil aus dem Krieg zurück. Danach
wurde er Wissenschaftler und arbeitete in dem Kollektiv mit, in dem
das synthetische Kautschuk erfunden wurde. Dafür bekam er 1947
zwanzig Jahren Straflager aufgebrummt. Seine Frau, Tante Lisa, die ihn
sehr stark liebte, hatte ihn aus Eifersucht denunziert. Onkel Boris war
ein gutaussehender Mann, obendrein ein Kriegsheld und in
seinem wissenschaftlichen Institut von lauter Frauen umgeben. Er wurde
zum Objekt ihres kollektiven Begehrens. Tante Lisa wollte ihn aber
allein für sich haben und konnte die gierigen Blicke der anderen Frauen
nicht ertragen. Sie wandte sich an die Sicherheitsorgane und erzählte
ihnen, daß ihr Mann die geheime Formel für den sowjetischen
synthetischenKautschuk nach Japan verkaufen wolle. Dafür bekam der Onkel wie gesagt zwanzig Jahre Straflager und die Tante fuhr erleichterten
Herzensfreiwillig mit ihm in die Verbannung - nach Kasachstan. Dort
wohnten sie zusammen in einem Erdbunker in der Nähe des Dorfes Kandagach.
Am Anfang war Onkel Boris auf seine Frau stinksauer: Sie habe
seine Karriere ruiniert und solle nun gefälligst aus seinem
Leben verschwinden. Doch im Laufe der Zeit vertrugen sie sich wieder.
Die meisten Häftlinge im Lager waren deutsche Kriegsgefangene. Sie
tauschten im Dorf bei den einheimischen Seife gegen Tabak und bauten
ansonsten in der Steppe den ersten Betrieb zu Produktion von synthetischem
Kautschuk auf. Mein Onkel wurde dort der Direktor. Deswegen wohnte er mit
seiner Frau nicht wie die Deutschen und die übrigen Gefangenen in
einer Baracke, sondern in einem extra für ihn eingerichteten Erdbunker -
mit Blick auf Kandagach. Er wurde jeden Morgen mit einem PKW abgeholt
und zur Arbeit gefahren. Auf dem Rücksitz saß aber ein Soldat mit
einem geladenen Maschinengewehr und paßte auf ihn - den Häftling - auf.
Nach zwölf Jahren wurde der Onkel rehabilitiert, er bekam sogar einen Orden von der Regierung, der irgendwann mal in der Schublade meines Vaters landete und zur Familienreliquie wurde. Auf der einen Seite war
dort Stalin im Profil abgebildet, auf der anderen Seite stand:
"Die sowjetische Regierung dankt für Ihre Mühe." Nach seiner
Rehabilitation blieb Onkel Boris in Kasachstan. Er bekam von seinem
Kautschukbetrieb eine Wohnung in Kandagach und arbeitete dort noch zwanzig
Jahre lang als Ingenieur. Seine Frau Tante Lisa starb in den Siebzigern, er
ging in Rente und kam dann zu uns nach Moskau zu Besuch. Eines abends
erzählte er mir von seiner Reise nach "Paris". Damals lebte noch seine Frau.
Er arbeitete in seinem Betrieb und durfte, obwohl rehabilitiert, nach zwölf Jahren Arbeitslager von einer solchen Reise nicht einmal träumen.
Doch Anfang der Siebziger wurde sie plötzlich Realität. Damals wußte
jedes Kind, daß unser sozialistisches Vaterland bei allen Völkern der
Welt beliebt ist und nur die imperialistischen Regierungen gegen uns
sind. Sie verbreiten Lügen über unseren Alltag hinter dem eisernen Vorgang
und versuchen uns als Kriegsanstifter hinzustellen. Wir waren aber für
den Frieden und die Völkerverständigung. Außerdem war unsere Regierung
sehr großzügig im Umgang mit ihren Bürgern - mit einer imperialistischen
war das nicht zu vergleichen. So zeichnete sie jedes Jahr hundert
der besten Proletarier aus - Arbeiter, Bauern, Offiziere, Bergarbeiter
oder kinderreiche Mütter: Sie alle bekamen eine fast kostenlose Reise
nach Paris geschenkt, manchmal aber auch eine Reise nach London.
Natürlich unter der Voraussetzung, daß alle Kandidaten Mitglieder der
Partei waren. Der Auserwählte mußte einige routinemäßige
Gesundheitskontrollen über sich ergehen lassen, Urin- und Blutproben abgeben
und sich von den Sicherheitsorganen instruieren lassen, wie man sich im
Ausland zu benehmen hat. Er mußte unterschreiben, daß er alles, was er in
Paris oder in London sähe, für sich behalten würde. Danach konnte der
Kandidat 200 Rubel in ausländische Währung umtauschen und war bereit zum
Abflug. Die Sache hatte nur einen Haken. Die Regierung konnte
natürlich unmöglich ihre Leute wirklich nach Frankreich oder - noch schlimmer
- nach England schicken. Die sowjetischen Arbeiter könnten
dort unvorbereitet allen Versuchungen des Kapitalismus verfallen.
Außerdem warteten die feindlichen Imperialisten nur darauf, daß
sowjetische Bürger sich im Ausland sehen ließen und bereiteten verschiedene
Fallen und Provokationen für sie vor, um anschließend noch mehr Lügen
über unser Land verbreiten zu können. Dazu kam noch, daß solche Reisen
eine enorme finanzielle Belastung für die Staatskasse bedeuteten.
Deswegen entschied sich die Regierung für eine sowohl preiswertere als
auch weniger aufregende Lösung: Sie ließ in der südrussischen Steppe, in
der Nähe von Stawropol, ein eigenes Ausland aufbauen - mit einer
richtigen Stadt und vielen Bewohnern. Sie diente im Sommer zunächst als
Paris, später im Herbst, wenn es zu regnen anfing und Wolken aufzogen,
ließ sich die Stadt schnell zu London umbauen. Das Objekt hatte den
höchsten Geheimstatus, nur Mitarbeiter der Staatssicherheit lebten und
arbeiteten dort mit ihren Familien. Sie waren entsprechend der
Situation ausgebildet und durften im Sommer untereinander nur Französisch und
im Herbst nur Englisch sprechen. Die Saison begann im Juni. Die
Touristen wurden vom Flughafen Orly bzw. Heathrow mit Bussen abgeholt und in
Hotels gefahren. In kleinen Gruppen, begleitet von zwei Reiseführern,
bummelten sie am nächsten Tag durch die sauber gefegten Strassen des
Auslands, kauften schöne Pullover und unbekannte Käsesorten, staunten
über ausländische Autos, die ab und zu die Strasse entlangfuhren,
lachten über den Eifelturm oder Big Ben, die gegen die
sowjetische Monumentalkunst nichts taugten. Aber im Großem und Ganzen fanden
alle das Ausland eigentlich ganz nett. Zwar nichts Besonderes,
aber enttäuscht waren sie auch nicht. Das Essen im Hotel
schmeckte hervorragend ausländisch, die einheimischen Franzosen oder Engländer,
die meistens arbeitslos waren, saßen die ganze Zeit in ihren Cafes
und tranken Wodka mit Bier, aber natürlich nicht in solchen Unmengen wie
bei uns, sondern aus ganz kleinen Gläsern. Sie begrüßten die
sowjetischen Touristen herzlich und fast jeder dieser Arbeitslosen konnte
sogar ein paar russische Sätze verstehen. Nach drei Tagen flogen die Russen
zu ihren Familien zurück. Mein Onkel durfte eigentlich wegen
seiner Vergangenheit noch nicht einmal dieses Paris zu sehen bekommen,
doch damals gab es noch keine Computer und auch der schärftste
Staatsapparat macht ab und zu mal einen Fehler. Als Onkel Boris für
seine ausgezeichnete Arbeit im Kautschukbetrieb zum zweiten Mal geehrt wurde,
bekam er eine dreitägige Reise nach Paris. Die Nachricht
verbreitete sich schnell, alle Nachbarn kamen, um sich von ihm zu
verabschieden. Euphorisch stellten sie eine Liste von Geschenken zusammen,
die Onkel Boris ihnen aus Paris mitbringen sollte. Er selbst hatte nur
einen bescheidenen Wunsch, der ganz kindisch klang: Sich in Paris auf
dem Eifelturm zu besaufen, "wie ein König". Alle lachten über seinen Traum.
Boris nahm einen Sack mit sowjetischen Konserven und
ein russisch-französisches Wörterbuch mit. Der Flug nach Paris dauerte
sechs Stunden. Die ersten zwei Tagen versuchte er vergeblich, von
seiner Gruppe abzuhauen. Jedesmal, wenn sich die Gruppe unten
im Aufenthaltsraum des Hotels versammelte, ging Onkel Boris aufs Klo
und saß dort so lange wie es ging, in der Hoffnung, die Gruppe würde ohne
ihn in die Stadt gehen. Doch als er herauskam, standen alle vor dem
Toilettenraum und warteten geduldig auf ihn. Danach fuhren sie zusammen mit
dem Bus ins Zentrum, um Einkäufe zu erledigen.
Am dritten Tag hatte Onkel
Boris endlich Glück: Während die Gruppe sich in einem Pulloverladen
herumtrieb und die Reisebegleiter kurz den Überblick verloren hatten, hielt
ein Bus direkt vor dem Laden. Ohne lange zu überlegen, sprang Onkel Boris
rein. Der Bus war fast leer, bis auf ein paar zerquetschte Franzosen.
Eine Flasche Wodka und ein Sprachführer steckten in der Hosentasche
meines Onkels. Nun brauchte er nur den Eifelturm zu finden.
Der Busfahrer
sah ihn freundlich an: "Salut, russo Turisto!" begrüßte er ihn. Mein
Onkel stutzte: Irgendwo habe ich den Mann schon mal gesehen, dieses
fette Gesicht ohne Augenbrauen und dieses Grinsen, dachte er. "Warst Du
schonmal in Kasachstan?" Mein Onkel holte den Sprachführer heraus: "Du
etes-vous? Kasachstan?" "No," sagte der Busfahrer, "je suis de
Marseille, comprends moi?"
"Ich habe Dich schon mal gesehen", wollte der Onkel
noch sagen, fand aber auf die Schnelle die passenden Wörter nicht.
"Est-cequenous allons passer devant la Eifelturm?"
"Bien entendu", sagte
der Busfahrer und grinste wieder. Die Franzosen im Bus fingen alle auch
an zu grinsen. Aus dem Fenster erblickte Onkel Boris den Eifelturm.
"Bleib stehen", rief er dem Busfahrer zu, "ich steige hier aus - merci
pour tout und bon voyage".
"Paß auf dich auf, Opa," murmelte der Busfahrer
und zog die Bremse. Mein Onkel sprang aus dem Bus. Vor ihm lag eine
typische kleine Pariser Strasse: In zwei kleinen Kneipen saßen die
französischen Kaffeetrinker, die Hausfrauen gingen einkaufen, eine Oma
schubste einen Kinderwagen vor sich her. Aus einem offenem Fenster hörte man
Musik. Plötzlich streckte ein Mann seinen Kopf aus dem Fenster und rief
etwas laut auf Französisch. Die gesamte Straße stand auf und ging schnell
in Richtung Eifelturm. Dort kamen schon die ersten Touristenbusse an.
Auch ein Reisebegleiter aus der Gruppe meines Onkels war da. Er lief
außer Atem zu ihm und schnappte ihn sich am Ärmel.
"Was soll der Scheiß?
Wo wolltest Du denn hin?" seine Stimme wurde ganz hoch vor Aufregung.
"Nirgendwohin", antwortete Onkel Boris. Auf einmal wußte er, wo er
den Busfahrer schon mal gesehen hatte. Es war der Kerl, der ihn vor
zwanzig Jahren jeden Morgen zur Arbeit fuhr, als er noch Direktor war und
in einem Erdbunker lebte. Am gleichen Tag flog die Gruppe nach
Kasachstan zurück, den Wodka trank Onkel Boris nicht auf dem Eifelturm,
sondern in seinem Hotelzimmer, zusammen mit ein paar verdienten Arbeitern, mit
denen er das Zimmer teilte und einer kinderreichen Mutter, die zufällig
dazugekommen war.
"Mag sein, daß ich in meinem Leben vieles verpaßt
habe, am falschen Ort zur falschen Zeit war und ungerecht bestraft wurde,
aber immerhin - ich war in Paris! Und dieses Erlebnis werde ich mit ins
Grab nehmen," erzählte mir Onkel Boris stolz und lachte. Damals schien
mir seine Geschichte absolut unglaubwürdig.
Erst Jahre später, nach der Perestroika, als immer
unglaublichere Geschichten aus der dunklen Vergangenheit des Landes an
die Öffentlichkeit kamen, mußte ich meine Meinung ändern. Ich las
die Berichte von Augenzeugen, von Leuten, die das "Paris" mit aufgebaut
und jahrelang dort gelebt hatten. Auch viele Romane und Erzählungen
wurden darüber geschrieben. So kam ich zu der Überzeugung, daß mein Onkel
Boris mir die Wahrheit erzählt hatte. Sein Paris war eine Stadt der
Chimären, entstanden als eine Art ideologisches Kondom - zum Schutz
der Bevölkerung vor den faulen Reizen der westlichen Zivilisation.
Solche Methoden funktionieren aber nie auf Dauer, die Wahrheit kommt
früher oder später doch ans Licht.
Das russische Paris wurde nicht älter
als fünf Jahre. Ein schlauer holländischer Journalist stieß Ende
der Siebzigerjahre während seiner Rußlandreise auf ein paar Fotos, die
ihm eine junge Melkerin in einer Kolchose zeigte: Dort stand sie
zusammen mit ihrer Mutter - einer verdienten Melkerin der Sowjetunion - unter
dem Eifelturm und lächelte in die Kamera. Dem Holländer kam der
Eifelturm auf den Fotos verdächtig sozialistisch vor. Er setzte die junge,
naive Frau unter Druck und bot ihr schließlich sein wertvolles, jedoch
auf einer Kuhfarm völlig nutzloses Diktiergerät zum Tausch gegen die
Fotos an. Der Holländer pries das Gerät als eine "ausländisch
sprechende Maschine - ein wahres Wunder der Technik" an und riß dem Mädchen
die Eifelturmfotos praktisch aus der Hand.
Eines davon erschien
einige Monate später auf der Feuilletonseite einer holländischen
Zeitung. Damals schenkte niemand im Westen der mit dem Bild verbundenen Geschichte Glauben, man hielt
es schlicht für einen Witz. Doch der damalige Chef des Komitees
für staatliche Sicherheit, Andropow, fand das Foto in der
ausländischen Zeitung überhaupt nicht lustig. Er befahl, das "Objekt Paris"
innerhalb kürzester Zeit bis auf den letzten Stein abzureißen. Mehrere Bauarbeiterbrigaden
des Verteidigungs- und des Innenministeriums waren am Abbau
der französischen Hauptstadt beteiligt. Es musste schnell gehen, quasi
über Nacht. Laut Augenzeugenberichten verbrauchte der Sicherheitsdienst
mehr Geld für die Planierung von Paris als zuvor für den Aufbau der Stadt.
Außerdem kamen infolge der überstürzten Abrißarbeiten viele
wertvolle Gegenstände abhanden. Die ganze Pariser Ausrüstung blieb praktisch
auf der Strecke: u.a. über fünfhundert Fernseher der Marke Philips,
mehrere hundert Kühlschränke, etliche Fahrzeuge, eine Unmenge von Türen
und Fenstern usw. Trotz strengster Kontrollen verschwanden sogar
ganze Häuser. Kurzum: Es wurde geklaut, was das Zeug hielt. Die Chefs
der Staatssicherheit verfolgten die Diebe aber nicht weiter, sie wollten
nur ihr Paris begraben und die Geschichte so schnell wie möglich
der Vergessenheit überantworten.
Im Nachhinein hatte der Untergang der
Stadt sogar einen positiven Einfluß auf die Architektur vieler Dörfer in
der südrussischen Steppe. Immer wieder wunderten sich Reisende über
die schicken verglasten Türen und ungewöhnlich breiten Fenster an dem
einen oder anderen Schweinestall. Noch zehn Jahre danach lag eine vier
Meter große kaputte Uhr mit abgebrochenem Stundenzeiger in der Kurve vor
der Kreisstadt Inosemzewo. Sie galt den Einheimischen als eine der
größten Sehenswürdigkeiten in der Gegend. Obwohl alle Bewohner so taten, als
ob sie keine Ahnung hätten, woher das Ding stammte, wurde die Riesenuhr
im Volksmund ironisch als Denkmal "Der verlorenen Zeit"
bezeichnet.