R U S S E T E X T / Literatur

  home   literatur   musik   netz   suche: 
  
 
[an error occurred while processing this directive]  
 LITERATUR 

Olga Kaminer:
Alle meine Katzen
 
 MUSIK 

Die Lebensmittel-
ladenmusik
 
 INTERNET 

Eine ethnographische Beziehung
 
 FRAGE 
[an error occurred while processing this directive]

Das Vorwort zum Handbuch eines DJs

"Karaoke"

   Eine Revolutionslegende besagt, daß Lenin, die Literatur und die bildende Kunst nicht leiden konnte, dafür aber ein großer Musikliebhaber war. Kurz bevor er starb, hatte Lenin geheime Anweisungen für die Genossen hinterlassen, die die sowjetische Kulturpolitik in der nächsten Zeit bestimmen sollten: "Angesichts des völligen Analphabetismus der Bevölkerung bleiben unsere wichtigsten Künste die Musik und der Zirkus," stand dort schwarz auf weiß.

   Die Literaten und Maler erschossen sich oder gingen in Exil.

   Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Volksorchester und Musikbrigaden zu gründen. In dieser Zeit entstanden epochale Musikwerke, die eine Mischung aus Musik und Zirkus darstellten. Eine „Rote Oper“ mit Pferden, Vokalisten, Akrobaten und mehreren hundert Schauspielern fuhr von Moskau nach Turkistan und veranstaltete überall revolutionäre Open Air Konzerte. In Baku schuf der rote Komponist Avraamov eine Symphonie mit der ganzen Kaspischen Flotte und einer Blockflöte. An der Aufführung nahmen zwei Artillerie –Regimenter teil, eine Maschinengewehr - Brigade, mehrere Wasserflugzeuge und alle Hafenbetriebe der Stadt. Die Partitur dieses beeindruckenden Werkes las sich wie ein Wagner-Fiebertraum: Nach der fünften Salve des ersten Artillerie- Regimentes setzen die Sirenen des dritten Hafenwerkes ein, nach der zehnten Salve beginnt das Stakato der Maschinengewehre. Der Komponist selbst stand am Ufer und spielte dazu ein Solo auf seiner Blockflöte. Aus heutiger Sicht wirkt eine solche Inszenierung übertrieben, doch der Musikzirkus ist nach wie die volksnaheste Kunst, Beispiel – Musikantenstadl.

   Das Theater ist elitär und kopflastig: Je revolutionärer die Theatermacher, um so spießiger ihre Kunst. Die Bücher sind meistens dick, nicht illustriert und preisgebunden, das Fernsehen macht auf Dauer dumm und schläfrig. Nur die Musik und der Zirkus halten die Bürger wach.

   Die erste Musik meines Lebens kam aus einem Radioempfänger in der Küche, der so hoch an der Wand hing, daß ich ihn nicht einmal auf einem Hocker stehend ausschalten konnte. Dieses Scheißradio ging mir furchtbar auf die Nerven. Als Kind mußte ich früh aufstehen, damit meine Eltern mich im Kindergarten abgeben und zur Arbeit gehen konnten. Draußen war es noch dunkel, das Radio fing ab sechs Uhr von alleine an zu spielen, zuerst kam die sowjetische Hymne, dann aufdringliche Melodien zur Einstimmung der Bevölkerung auf den Arbeitstag, und um sieben die humoristische Sendung „ Bleibe gesund“, deren Moderator von unserem ganzen Kindergarten-Kollektiv aus vollstem Herzen gehasst wurde. Doch egal wie sehr wir diesen Musikzirkus verabscheuten, er hielt uns wach. Später war es dann die Rockmusik auf Underground- Konzerten, die mich aus dem Dornröschen-Schlaf eines sowjetischen Schülers riß. Und noch später spielte, egal was ich machte und wohin ich ging, immer irgendeine Musik im Hintergrund. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann ich ein DJ wurde.

   Denn wer bleibt immer wach, wenn die anderen schlafen? Wer tanzt, wenn die anderen stehen und liegen, wenn sie nicht mehr können, wenn sie sich besaufen und umfallen, wenn sie nach Hause gehen – der DJ ist Herr über den Musikzirkus der Gegenwart. Diese Leute sind Helden der Arbeit, manche können drei Tage hintereinander ohne Pause auflegen, was, spielt dabei keine Rolle, Hauptsache es kracht.

   Es gibt Volltreffer-DJs, sie setzen auf Songs, die alle kennen und aus dem Stand nachpfeifen können, die gut zum Tanzen geeignet sind, aber allen, einschließlich dem DJ selbst, total auf den Wecker gehen.

   Die anderen, die sogenannten Loser- DJs, stehen auf musikalische Werke, die ein Stückchen daneben liegen, von einem Volltreffer aus gesehen. Dabei machen sie aber mit aller Kraft deutlich, daß dieses Schräge gerade geplant ist, weil Mainstream unsäglich ist und sie schon immer scharf darauf waren, etwas daneben zu liegen. Dann gibt es noch Revoluzzer- DJs, die echte Revoluzzer- Songs allen anderen vorziehen. Diese Songs sind verdammt gut, sehr anstrengend zum Anhören und überhaupt nicht tanzbar. Das kümmert aber die Revoluzzer-DJs nicht, wie sie beim Publikum ankommen, ob ihre Musik tanzbar oder nicht tanzbar ist. Es geht dabei um nicht weniger als die Revolution. Bei unserer Russendisko mischen wir alles durcheinander, Hauptsache, es heizt an: ein Volltreffer, zwei Loser, ein revolutionäres Lied und noch einmal das ganze von vorne. Man hat nie mehr als 3 Minuten Zeit, um darüber nachzudenken, was als nächstes kommt - und alles, was man zu Hause vorbereitet hat, taugt nichts.

   Dieses Handbuch ist an den vielen Partyabenden entstanden, in den Nächten, die ich hinter dem DJ-Pult verbrachte. Manche Seiten entstanden im Keller des Kaffee Burger, zwischen Bierkisten und Weinkartons, als ich mir während der Disko eine Pause gönnte. Deswegen hat dieser Text keinen Anfang und kein richtiges Ende, man weiß nie, was als nächstes kommt. Dafür wird es in diesem Buch viel gesungen, getanzt und rumgemeckert, weil DJs ja eigentlich unglaubliche Nörgler sind.

   Wenn sie alle, die Volltreffer, die Loser, die Revoluzzer irgendwann vor ihrem Musikgott stehen, jeder vor seinem eigenem natürlich, wird er sie sicher nicht fragen, welche Musikrichtung sie bevorzugten und welche Bands ihrer Meinung nach die besten seien. Nein, das wird er nicht. Wie war die Stimmung? wird der Musikgott fragen. Habt ihr da unten richtig auf den Putz gehauen? Habt ihr alles weiter gegeben, was euch gegeben wurde und hat es euch Spaß gemacht? Ja! Ja! werden die Volltreffer, die Loser und die Revoluzzer rufen.

   Dann ist gut, sagt der Musikgott. Packt schnell eure besten Platten zusammen und welcome to Level II. Er wird sie alle lieben. Denn Gott ist auch ein DJ.

 


 Druck-Version       Text empfehlen     
Drucken      Empfehlen     
  WLADIMIR KAMINER  
 Info und
Bibliographie
 Lesungen
 Presse
 Übersetzt
 
  OLGA KAMINER  
 Info und
Bibliographie
 Lesungen
 
  RUSSENDISKO.DE  
Home
 Termine
 DJ Gurzhy
 Fotos
 Poster
 Berichte
 Links & Sounds
 Newsletter
 CDs & T-Shirts
 nach oben
  alex:hartmann © 2002