Mein deutsches Dschungelbuch
Vorwort
Die ersten zehn Jahre in der Bundesrepublik verbrachte ich in Berlin.
Und jedesmal, wenn wir mit Freunden in der Kneipe saßen und über
Deutschland redeten, wollte mir keiner zuhören: "Du kennst dieses Land
doch überhaupt nicht, Berlin ist nicht Deutschland, und der Prenzlauer
Berg erst recht nicht. Du hast keine Ahnung, was hier wirklich los
ist."
meinten sie.
"Was ist denn der Prenzlauer Berg, wenn er nicht
Deutschland ist?" fragte ich.
"Ein Schwabenland im Herzen Europas", "Ein
Künstlernest", " Des Deutschen inneres Exil", "Das Russendorf", meinten
meine deutschen Freunde und lachten.
Ich hatte damals keine große Lust,
in die Provinz zu fahren. In der Millionenstadt Moskau aufgewachsen,
später in die Millionenstadt Berlin gezogen, hielt ich nicht viel von
einem "glücklichen Dasein auf dem Land". Der Alltag in einer
Kleinstadt,
wo alle einander kennen, alle gleichzeitig ins Bett gehen, gleichzeitig
aufstehen und wo der Briefträger mit seinem Vornamen begrüßt wird, kam
mir gruselig vor. In Rußland war ich immer davon überzeugt gewesen, daß
alle meine Landsleute nur ein Traum hatten, nämlich nach Moskau zu
ziehen. Gott sei Dank schaffte das nicht jeder - nur jeder zehnte. In
Deutschland stellte ich mir die Situation ähnlich vor. In der Provinz
würden wahrscheinlich nur diejenigen leben, die aus finanziellen,
privaten oder gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage waren, nach
Berlin oder München zu ziehen, dachte ich naiv.
Vor drei Jahren, als
ich
mein erstes Buch "Russendisko" herausbrachte, bekam ich die
Gelegenheit,
den Großraum Deutschland näher kennen zu lernen, weil mich nacheinander
hunderte von Buchläden, Kulturhäuser, Theater und ländliche Clubs zu
einer Lesung einluden. Ich fuhr nach Langen und Wellmar, nach Weinberg,
Waldbröl, Halberstadt und Hamm und las vor kleinem Publikum. Selbst
meine deutschen Freunde wußten nicht immer, wo diese Orte lagen. Ich im
Gegenteil wurde zu einem Deutschland-Experten. "Also, Arnsberg, das ist
im Süden von Nordrheinwestfalen, ungefähr 40 Kilometer von Dortmund
Richtung Süd-Ost!" berichtete ich z.B. meinen Freunden.
Meine Meinung
über die Provinz hat sich dabei mit der Zeit gründlich geändert.
Inzwischen weiß ich, dass die Menschen sich überall gerne aufhalten,
ihren Wohnsitz, wo immer er auch ist, über alles lieben und sich ein
glückliches Leben woanders gar nicht vorstellen können. In schlimmsten
Provinz-Alptraum würde ihnen nicht einfallen, nach Berlin oder München
auszuweichen. Auf meinen Lesereisen wurde ich überall freundlich
empfangen und neugierig aufgenommen, doch unsere hauptstädtische
"Russendisko" war bald nirgendwo eine Überraschung mehr. Selbst in der
tiefsten Provinz hatten die Omas und Opas schon die Nase voll von
Russendiskos. Meine Landsleute, die es in jedem kleinen deutschen Dorf
mittlerweile gibt, haben mir nahezu überall den Überraschungseffekt
versaut. Wohin ich blickte, fand ich Russen und Russendiskos - an den
gottverlassensten Orten. Trotzdem pendelte ich weiter durch
Deutschland,
und lernte jeden
Tag neue Leute und bisher unbekannte Orte kennen, das Land war voller
Geschichten. Mir wurde klar, es war an der Zeit, ein neues Buch zu
schreiben. Nicht irgendeines - sondern ein Buch über die deutsche
Provinz. Also fing ich an, mir Notizen für ein "Deutsches
Dschungelbuch"
zu machen.
Die ICE und Interregios wurden zu meinem wichtigsten
Arbeitsplatz. Bald wußte ich in allen Zügen, wo das beste Abteil zum
Schreiben war. Die unzähligen Hotelzimmer wurden zu meinem zweiten
Zuhause. Hier ging ich nachts noch
einmal die krakeligen Notizen durch. Es war kein leichter Job.
Unvorbereitet, ohne jegliches geographisches und historisches Wissen
und
nur wenig dialektgeschult tourte ich landauf landab. Je länger ich
unterwegs war, um so größer wurde meine Unkenntnis. Das deutsche Bild
zerfiel in Tausende kleine Puzzleteile. Wenn ich, was vorkam, mehr als
sieben Orte an einem Stück abklapperte - und so jeden Tag in einem
neuen
Dorf landete, verlor ich oft gänzlich den Sinn für Realität und fühlte
mich wie ein Astronaut, der sein Raumschiff nicht
mehr im Griff hat. Alles rauschte an mir vorbei, unzählige
Wohneinheiten
mit eigenartige Sitten, Vorlieben und Macken, eigenen Helden und
Verbrechern. Mal erkannte ich eine Landschaft plötzlich wieder, mal
wußte ich überhaupt nicht mehr, wo ich war. Abends bei den Lesungen
brachte ich die Namen der Orte durcheinander. "Ich bin zum ersten Mal
in
Nordhorn", begann ich. "Aber Sie sind gar nicht in Nordhorn, Sie sind
in
Nordheim", konterte das Publikum. Egal, dachte ich, entschuldigte mich
und las meine Geschichten vor. Die Reaktionen waren sehr
unterschiedlich, die Fragen dagegen fast immer die gleichen: "Wie haben
sie unsere Sprache gelernt?" wunderte sich das Publikum. "Haben sie
nicht Heimweh? Träumen sie auf Deutsch oder auf Russisch? Wie gefällt
es
ihnen hier bei uns in Deutschland?"
Je kleiner der Ort, um so
überzeugter waren die Bewohner, das sie im einzig wahren Deutschland
lebten. Aber zwanzig Kilometer weiter sah dieses Deutschland schon ganz
anders aus. Ich schrieb an meinem Buch weiter, suchte nach typischen
Merkmalen, nach Allgemeinheiten und geistigen Knotenpunkten, die dieses
Land zusammenhielten. Das, was ich fand, war oft skurril, manchmal
erstaunlich und immer natürlich sehr subjektiv. Ich erinnerte mich in
diesem Zusammenhang an die Tagebücher des russischen Schriftstellers
von
Wisin. Er hatte die Neigung, aus realen Erlebnissen falsche
Schlußfolgerungen zu ziehen. Als er vor rund hundert Jahren mit der
ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr,
sah er, wie in seinem Waggon eine große rothaarige Dame einen Jungen
beschimpfte und ihn an den Ohren zog. Der Junge schrie vor Schmerz,
aber
ein Mann, der neben dem Schriftsteller saß, hob nicht einmal den Kopf.
Er las konzentriert weiter in seiner Zeitung. "Die deutschen Frauen
haben rote Haaren und schlagen gern ihre Kinder", schrieb der russische
Reisende später in sein Tagebuch, "die Männer haben eine Glatze, sie
sind ruhig und lesen leidenschaftlich gerne Zeitung."
Trotz vieler
Zweifel wurde mein Dschungelbuch immer dicker. Zu Hause im Prenzlauer
Berg las ich diese Geschichten meinen Freunden, Kollegen und Nachbarn
vor. "Genau so habe ich mir Bitterfeld immer vorgestellt," sagte der
eine. "Also Sinsheim habe ich eigentlich ganz anders in Erinnerung,"
bemerkte ein anderer. "Wieso hast Du gar nichts über Dinslaken
geschrieben? Da komme ich nämlich her!" fragte ein dritter. Sie hörten
aber weiter zu, lachten und schüttelten die Köpfe: "Das ist zu skurril,
das kann doch nicht wahr sein, das gibt es nirgendwo. Das ist nicht
Deutschland, was Du da beschreibst". Einige wenige haben ihren
Heimatort
in diesen Geschichten aber doch wiedererkannt, was mich wiederum
ermutigte, dieses vorliegende Dschungelbuch zu Ende zu schreiben,
obwohl
es gar kein Ende haben kann.