Die Menschen und ihre Künste
Leseprobe aus dem Buch "Helden des Alltags"
Vor noch nicht allzu langer Zeit fand in Moskau ein Bettler-Wettbewerb
statt, organisiert von einer hauptstädtischen Kunstzeitschrift. Die
Kunstwissenschaftler wollten damit rausfinden, wie zynisch bzw.
romantisch die Moskauer sind. Ob man sie noch zum Weinen bringen kann,
zur Rührung, und wem sie bereit sind zu helfen bzw. wem nicht. Auch
viele Journalisten, als Penner verkleidet, nahmen am Wettbewerb teil.
Mit ausgedachten Geschichten liefen sie durch die Züge der Moskauer
Metro, saßen in den unterirdischen Gängen oder einfach auf der Straße.
Der eine beklagte sich laut, seine Frau hätte ihn losgeschickt, um eine
Waschmaschine zu kaufen, er habe aber das ganze Geld mit Freunden
versoffen. Seine Frau würde ihn nun umbringen, wenn er ohne
Waschmaschine und ohne Geld nach Hause käme. Die Moskauer gaben ihm nur
wenig Unterstützung. Ein anderer Mann erzählte, sein einziger Sohn habe
eine seltene Krankheit - um sie zu bekämpfen, müsse er jeden Tag in
frischem Bier gebadet werden, was aber für die Familie finanziell
untragbar wäre. Zwei Männer gaben ihm Geld. Nebenbei erkundigten sie
sich, was der Vater mit dem Bier mache, nachdem der Sohn darin gebadet
habe und ob diese seltene Krankheit ansteckend sei. Ein älterer Mann mit
Brille und Hut, der den ganzen Tag durch die Stadt lief mit einem
Schild "Spendet für eine neue gerechtere Revolution" - bekam so gut wie
gar nichts.
Es gewann bei dem Wettbewerb der Mutigste. Bei Minus fünf
Grad saß er halb nackt vor der großen Kirche der heiligen Gottesmutter.
Sein Körper war mit zahlreichen Tätowierungen bedeckt. Um seinen Hals
hing ein Schild " Ich war ein Profikiller und will ein neues Leben
anfangen. Kein Blut mehr vergießen. Brauche finanzielle Unterstützung."
Viele Passanten blieben vor dem Mann stehen. Sie fragten ihn, wie lange
er als Profikiller gearbeitet habe, was er im Jahr verdient hätte und
wie es passieren konnte, das er bei solchen Verdienstspannen nichts
beiseite gelegt hatte. Er hätte einen gehobenen Lebensstil gehabt und
wollte dann dummerweise nicht darauf verzichten, antwortete der
Ex-Killer verlegen. Eine Frau fragte ihn, wie lange er noch hier sitzen
wolle. Sie habe kein Geld mit, würde ihm aber später ein bißchen was von
zu Hause mitbringen können.
"Ich habe kein Geld für sie, höchstens
einen Job", sagte ein intelligent aussehender Mann mit Aktentasche in
der Hand.
Der Ex-Killer winkte ab: "Ich will keine Menschen mehr
umbringen".
Der Mann mit der Aktentasche verschwand in der Menge.
"Geht
der Direktor der Marathon-Bank zufällig auch auf Ihr Konto?" fragte ihn
eine alte Dame. Sie hatte ihre Geldbörse bereits in der Hand und wollte
einen Geldschein herausziehen.
"Nein, den hat ein Kollege von mir auf
dem Gewissen", entschuldigte sich der Ex-Killer.
"Schade," sagte alte
die Dame und steckte ihren Geldschein wieder ein. Doch alles in allem
bekam der Ex-Killer am meisten Aufmerksamkeit und Spenden. Es scheint,
daß die Moskauer sich mit dem ewigen Bettler-Traum "Einen Neuanfang
wagen" am ehesten identifizieren konnten.
Gleiches gilt für die
Berliner. Sollte hier jemals ein solcher Wettbewerb stattfinden, so
würden ihn zweifellos die Motz -Verkäufer gewinnen. Unter ihnen
verbergen sich einige wahre Talente. Besonderes große Klasse ist Dr.
Johnson, der täglich die U2 bewirtschaftet. Seine Ansprachen an das Volk
fangen pathetisch an:
"Sehr geehrte Damen Und Herren, liebe Bürger,"
sagt der Doktor jedesmal, wenn er einen Wagen betritt. "Sie sehen mich
nun alle und denken, schon wieder so ein Penner, der unser Geld will.
Und in gewisser Weise haben sie damit Recht, meine Damen und Herren.
Aber manchmal ist das Leben ein komisches Spiel. Und aus diesem Grund
möchte ich Ihnen die Obdachlosenzeitung Motz anbieten.. Diese Zeitung
kostet nur 2 Mark, eine Mark geht an die Obdachloseneinrichtungen der
Stadt und die andere Mark geht persönlich an mich. Diese Mark, meine
Damen und Herren, werde ich nicht für irgendwelche Drogen oder für
Alkohol ausgeben. Sondern..." An dieser Stelle rollt Dr Johnson jedesmal
mit den Augen und überlegt sich genüßlich, was er so alles mit einer
Mark anstellen würde. "Vielleicht kaufe ich mir ein Waschmittel, um
meine Klamotten zu waschen oder besser noch ein Schampo. Vielleicht gehe
ich sogar in die Sauna, um mich zu waschen, ich stinke ja schon, das
können sie doch riechen - meine Damen und Herren..."
Die so angesprochenen Damen und Herren bewilligen dem Doktor den Kauf
eines Schampos ein. Gegen Abend läuft er schon ohne Zeitung durch den
Zug und wirkt ein wenig aggressiv. Wahrscheinlich hat er doch das
Falsche gekauft.
"Normalerweise verkaufe ich hier die Obdachlosenzeitung
Motz", schreit er die Fahrgäste an. "Aber heute mach ich eine Ausnahme
und bitte Sie um eine Spende. Ich werde mir für dieses Geld keine
Scheißdrogen und keinen Scheißalkohol kaufen. Vielleicht gehe ich
einfach in ein Cafè. Vielleicht kaufe ich mir dort eine Zigarre und
Likör, um mich ein bißchen zu entspannen. Vielleicht kaufe ich mir sogar
eine Zeitung! Nicht irgendsoeine Scheißobdachlosenzeitung, sondern eine
richtige - die Frankfurter Allgemeine z.B. oder einfach nur
Allgemeine..."
Die Fahrgäste stellen sich vor, wie der Doktor ins Cafe
geht, dort eine Allgemeine und einen Likör bestellt und sich entspannt.
Seine Sehnsucht nach Normalität ist ihnen nicht fremd. Viele spenden
sogar großzügig.